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Veränderungen – wie wir damit umgehen und an ihnen wachsen

Sie gehören zum Leben dazu. Es gibt kleine und große Veränderungen im Leben, positive und negative. Warum also machen sie uns manchmal solche Angst, und warum fällt es uns so schwer, Dinge loszulassen? Wenn wir unser Verhalten einer neuen Situation anpassen müssen, kann das Stress auslösen. Wir haben in neuen Situationen häufig das Gefühl, nicht mehr alles unter Kontrolle zu haben …

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Stress und Angst vor der Ungewissheit

„Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können“, schrieb der französische Schriftsteller Anatole France. Du ahnst es vielleicht schon: Nicht jede Veränderung bedeutet gleich ein anderes Leben, aber im Großen wie im Kleinen lässt Du doch immer einen Teil von Dir zurück. Wenn Du eine Entscheidung triffst und eine andere Richtung einschlägst, kommt etwas Neues in Dein Leben und Du musst Altes loslassen. Weil das Alte aber so schön vertraut ist, kann das Loslassen Stress und Angst auslösen. Angst vor der Ungewissheit, die das Neue unweigerlich mit sich bringt. Nehmen wir mal ein Beispiel: Der Umzug in eine neue Wohnung oder eine fremde Stadt bedeutet eben auch, die alte zurückzulassen, an der viele schöne Erinnerungen haften. Veränderungen sind immer auch ein bisschen schmerzhaft – oder eben schmerzhaft schön. Dieses paradoxe Gefühl steckt ja schon in dem Wort Melancholie…

 

Welche Arten von Veränderungen gibt es eigentlich? 

Das sind zum einen die langsamen und schleichenden Veränderungen. Das Älterwerden gehört dazu, zu dem nicht nur die biologischen Veränderungen gehören. Aber auch eine Beziehung bleibt nicht gleich, sondern verändert sich stetig. Und dann gibt es die abrupten Veränderungen, die eher Umbrüchen gleichen: Ein Jobwechsel, eine neue Position, eine neue Aufgabe; eine Krankheit, die plötzlich auftritt, der Verlust von nahestehenden Menschen. Außerdem unterscheiden wir zwischen Veränderungen, die Du selbst herbeigeführt hast, weil Du Dich bewusst dafür entschieden hast – das kann eine neue Herausforderung sein, die Du Dir selbst gesucht hast oder ein neues Hobby, in dem Du Dich verwirklichen willst. Und solche, die einfach so über Dich hereinbrechen, ohne dass Du sie Dir ausgesucht hast. Dazu zählen die schönen Dinge genauso wie die weniger schönen und auch traurigen Überraschungen und Wendungen des Lebens (1).

 

Es gibt innere und äußere Veränderungen – beide machen uns aus

Innere Veränderungen finden, wie der Name suggeriert, zunächst in uns selbst statt, bevor sie nach außen treten und in die Tat umgesetzt werden. Sie haben mit unserer (Persönlichkeits-)Entwicklung über die Jahre zu tun, mit unseren Wünschen und Werten und den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Vorausgesetzt, wir wollen uns verändern und sind dazu bereit, uns zu entwickeln. Bei den äußeren Veränderungen müssen wir auf Faktoren reagieren, die von außen kommen und auf die wir wenig Einfluss haben – solche, die uns nicht immer gefallen, auf die wir aber reagieren müssen. Zum Beispiel auf die Corona-Pandemie mit all ihren Veränderungen und Konsequenzen. Oder auf den Verlust des Arbeitsplatzes.  

 

Leben bedeutet Veränderung

Dabei ist das Leben als solches steter Wandel – und nichts bleibt, wie es scheint. Und bis zum Erwachsenenalter ist das Leben voller erster Male: Der erste Kuss, das erste Konzert, der erste Urlaub ohne Eltern, der Führerschein, die erste Wohnung, alles fühlt sich aufregend und herrlich neu an. In diesem Lebensabschnitt kann es doch gar nicht genug Veränderungen geben, oder? Doch auch wenn sich die Ereignisse später nicht mehr überschlagen, wir sesshaft geworden sind und alles in seinen Bahnen läuft, passieren doch immer wieder überraschende Dinge und treffen wir Entscheidungen, die Einfluss auf uns und unseren Lebensweg sowie auf unsere Mitmenschen haben. 

 

Menschen gehen unterschiedlich mit UmbrĂĽchen um

„Alles soll so bleiben, wie es ist.“ Wäre das ein Satz, dem Du zustimmen würdest? Oder liebst Du die Aussicht auf etwas Neues und das leichte Kribbeln, das die Ungewissheit des Neuen mit sich bringt? Wir alle gehen verschieden mit dem Thema Veränderungen um. Dabei kommt es natürlich immer auf das Maß der Veränderung an und welche Risiken damit verbunden sind. Die Angst vor einer Veränderung und der dadurch ausgelöste Stress (2) sind auch evolutionär begründet. Sie stecken uns also in denen Genen und stammen aus einer Zeit, als jede Veränderung eine Bedrohung für das Leben darstellen konnte. Dennoch gibt es von Mensch zu Mensch große Unterschiede. Während sich die einen wünschen, der Status quo möge sich niemals verändern, fürchten die Sensation-Seeker, wie die Psychologie diesen abenteuerlustigen Typus Mensch nennt, nichts so sehr wie Stillstand und Stagnation. Aber ganz egal, welcher Persönlichkeitstyp wir sind: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“, schrieb einst Franz Kafka. Und es ist wahr: Nur, wenn wir es wagen, neue Pfade zu betreten, können wir uns weiterentwickeln. Unsere Ziele erreichen und unser Glück finden (3).

 

Die Phasen der Veränderung – Chance zu innerem Wachstum

Manchmal kann es ganz schön schmerzhaft sein und viel Energie kosten, Veränderungen anzunehmen und „mitzugehen“. Doch je weniger Widerstand wir leisten und akzeptieren, dass alles im Fluss ist, desto besser gelingt es, mit neuen Situationen und Gegebenheiten umzugehen (4). Wissenschaftler haben verschiedene Phasen der Veränderung ausgemacht, die Menschen durchleben, und es existieren verschiedene Modelle. Wir stellen Dir hier das 5-Phasen-Modell vor (es betrifft nur schwierige Veränderungen): 

 

Phase 1: Verleugnung. Der Schock sitzt tief – nein, es darf nicht wahr sein! Eine natürliche Reaktion auf eine plötzliche, einschneidende Veränderung von außen. 

Phase 2: Ablehnung. Du wolltest diese Veränderung nicht und findest sie völlig inakzeptabel. Also sagst Du: “Nicht mit mir, das mache ich nicht mit”. 

Phase 3: Verhandeln. Ok, es geht nicht anders, aber es lässt sich über die eine oder andere Rahmenbedingung verhandeln. Aber so ganz loslassen mag man noch nicht in dieser Phase und klammert sich noch an das, was einmal war. 

Phase 4: Depression. Das schwarze Loch kommt ausgerechnet jetzt, wo es schon ein bisschen aufwärts zu gehen schien? So leicht ist es eben nicht. Wir müssen durch dieses Tief gehen, trauern und weinen, wütend sein und alle Gefühle zulassen. Nur dann kommt das Lachen zurück. Aber wir müssen nicht alleine da durch. 

Phase 5: Akzeptanz. In dieser Phase kehrt die Selbstwirksamkeit zurück – das Gefühl, die Dinge wieder lenken zu können und nicht mehr ohnmächtig zu sein. Der Blick richtet sich nach vorn und integriert die Veränderung konstruktiv ins Leben. Geschafft!

 

Vielleicht kennst Du das vom Yoga: reinspĂĽren, akzeptieren, loslassen

Zur gelingenden Veränderung gehört: Gefühle akzeptieren, alles loslassen, was nicht guttut. Deine Mitte finden. Dann bist Du gestärkt genug, Veränderungen zu meistern. Die eigene Mitte finden heißt, im Einklang mit den eigenen Werten zu leben.

 

Na klar: Die können manchmal ganz schön durcheinander gewirbelt werden. Das ist ganz normal. Man fühlt sich gestresst, völlig verloren und hat keinen Kontakt mehr zu seinem Bauchgefühl. Ein Grund mehr, immer wieder bewusst den Fokus auf das zu richten, was uns wichtig ist und wie wir leben wollen. Dann bleiben wir im Kern stabil, auch wenn sich um uns herum alles verändert, können Umbrüche durchlaufen, ohne daran zu zerbrechen. Es hilft, Veränderungen als Chance für inneres Wachstum zu begreifen (5). Frage Dich in solchen Momenten: Was will mir die Veränderung mitteilen, was kann ich daraus Gutes für mich ziehen oder machen? Und dann geh Deinen Weg, der zu Dir passt, in dem Tempo, das sich richtig anfühlt.

 

Wertschätzen und anerkennen, dass Veränderung wehtun kann 

Befindest Du Dich gerade in einer Veränderung, die Du so gar nicht nicht haben möchtest? Kommen Dir diese Fragen und Anregungen so vor, als ob sie von jemandem kommen, der noch nicht in so einer Situation gesteckt hat, wie Du gerade? Dann lass Dir gesagt sein: Du hast recht, nur Du machst die Veränderung durch, die Du gerade erlebst. Mit all ihren Herausforderungen! Und trotzdem gibt es etwas, was den meisten Veränderungen und unserem Umgang mit ihnen gemein ist – und aus diesem tiefen Wissen kommen unsere Impulse, die wir Dir mitgeben möchten.

 

Konstanten in der Veränderung schaffen

Wenn Du schwimmst und das Ufer (noch nicht) sehen kannst, schaffe Dir Stabilität: in Routinen und einem sozialen Netzwerk, dass Dich auffängt. Such Dir Hilfe, wenn es nötig ist. Baue Dinge in den Alltag ein, die Dich erden und Dir Halt geben: Sporteinheiten, Beschäftigung mit Deinem Haustier, Tagebuchschreiben bei einer guten Tasse Tee, Einkäufe erledigen, gutes Essen kochen. Sorge in Zeiten der Veränderung gut für Dich. Genug Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung schaffen das Fundament, das Du brauchst, um den neuen Weg zu gehen. Schaffe Dir Inseln und Ressourcen, die Deine Resilienz stärken und auf denen Du Dich ausruhen kannst, während Du die Veränderung meisterst (6). Du schaffst das.

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Quellen:

(1) BR Fernsehen 2020: So meistern Sie Veränderungen in Ihrem Leben. https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/wir-in-bayern/service/lebensveraenderungen-meistern-psychologie-birgit-salewski-100.html

(2) Archy O. de Berker, Robb B. Rutledge, Christoph Mathys, Louise Marshall, Gemma F. Cross, Raymond J. Dolan & Sven Bestman: Computations of uncertainty mediate acute stress responses in humans. Nature communications 2016.

(3) Wissen.de: Die Lust nach mehr: Persönlichkeitsmerkmal Sensation Seeking. www.wissen.de/die-lust-nach-mehr-persoenlichkeitsmerkmal-sensation-seeking.

(4) Andrea Brandt: Change Is Hard, Here’s How to Make It Easier: It's a good time to talk about how we can comfortably accept change. Psychology Today 2020. www.psychologytoday.com/intl/blog/mindful-anger/202012/change-is-hard-here-s-how-make-it-easier.

(5) Irene: Die 5 Phasen der Veränderung: Mit Loriot durch jede einzelne Phase. Me Mindfulnessence 2020. https://mindfulnessence.de/5-phasen-der-veraenderung.

(6) Crum, A., Salovey. P., Achor, S.: Rethinking stress: The role of mindsets in determining the stress response. Journal of personality and social psychology 2013.

(7) Stephanie A. Sarkis: 10 ways to cope with big changes: Change is inevitable. Here's how to come out of it a better person. Psychology today 2017. https://www.psychologytoday.com/us/blog/here-there-and-everywhere/201701/10-ways-cope-big-changes.

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